Klimawandel und Wald

Um dem Klimawandel zu trotzen, sollten weniger Bäume abgeholzt werden.
Mit Unterstützung der EU passiert genau das Gegenteil – das verhagelt die Klimabilanz

Quelle: Wochenendmagazin des Gießener Anzeiger, 25. Juli 2020, nach einem Artikel von Roland Knauer

Giesser Berg; Foto: Lindemann

Die Kettensägen der Holzfäller kreischen seit 2016 in der Europäischen Union viel häufiger als früher. Das schließen Giudo Ceccherini und Kollegen von der gemeinsamen Forschungsstelle der Kommission der EU im italienischen Ispra laut einem Bericht der Zeitschrift Nature aus der Auswertung von Daten der Landsat-Satelliten-Aufnahmen. Verglichen mit den Jahren 2011 bis 2015 wurden demnach von 2016 bis 2018 im Durchschnitt 49 % mehr Flächen abgeholzt, und es wurden 69 % mehr Holz als den Wäldern geholt.

Weshalb sollte diese verstärkte Holznutzung der Klimabilanz der EU schaden? Schließlich gilt Holz als klimaneutral, weil beim Verbrennen nicht mehr Kohlendioxid freigesetzt wird, als der Baum beim Wachsen aus der Luft aufgenommen hat. Die Bäume schlucken 10 % der Treibhausgase. Daher zählt die EU seit 2018 die direkt zum Verfeuern geschlagenen Holzstämme zur nachhaltigen Energieproduktion.
Dabei ist das Ganze eine Milchmädchen-Rechnung, da diese Überlegung nur über ganz lange Zeiträume aufgeht: Ist ein Buchenwald z.B. in 120 Jahren gewachsen – hat also CO2 aus der Zeit von vor 120 Jahren bis zum Schlagen aufgenommen, so wird beim Verbrennen die gesamte CO2-Menge schlagartig auf einmal freigesetzt. Wächst auf dieser Fläche wieder ein Buchenwald, dauert es bis zu 120 Jahre, bis die Klimabilanz ausgeglichen ist.

Das ist eine schlechte Nachricht für die Klimaziele der EU, die bis 2050 in der Gesamtbilanz keine Treibhausgase wie Kohlendioxyd mehr ausstoßen und damit Klimaneutral werden will.

Dazu aber braucht die europäische Gemeinschaft ihre Wälder, die derzeit auf rund 38 % ihrer Fläche wachsen. Schlucken die Bäume zurzeit rund 10 % der Treibhausgase, die bei Verbrennen von Erdöl, Erdgas, Kohle und den daraus hergestellten Produkten, aber auch von der Landwirtschaft, sowie bei der Produktion von Stahl, anderen Metallen und Zement freigesetzt werden.
Werden die Wälder weiter so abgeholzt wie in den letzten Jahren, kompensieren die Bäume erheblich weniger und Europa müsste seine Emissionen erheblich stärker als bisher geplant einschränken, um die Klimaziele zu erreichen.
Insbesondere in Schweden, Finnland, den drei baltischen Staaten und Polen fiel besonders viel Wald, der sich nicht auf Sturmschäden und Waldbrände zurückzuführen lässt.
Bei der Abholzung werden zudem oft schwere Maschinen eingesetzt, der Boden wird gepflügt und neue Setzlinge werden gepflanzt. Diese Vorgänge aber stören den Untergrund, in dem der Wald im Laufe der Jahrzehnte einigen Kohlenstoff gelagert und so die Klimabilanz verbessert hat. Zwar wird auch CO2 freigesetzt, sobald Mikroorganismen den Humus in Boden umwandeln; doch speichert der Wald erheblich mehr Kohlendioxyd in Form von Humus als die Bildung von Boden gleichzeitig in die Luft entlässt.
Daher wird der Kahlschlag eine Quelle des Treibhausgases.
Gleichzeitig verändern sich auch das Mikroklima und die Populationen der Mikroorganismen. Währen das Kronendach des Waldes Schatten spendet und so die unteren Etagen kühlt, damit die Feuchtigkeit im Wald hält, sieht die Situation bei einem Kahlschlag ganz anderes aus: Die Sonne heizt den Boden viel stärker auf, mehr Feuchtigkeit verdunstet und es wird deutlich trockener im Boden. In heißen trockenen Perioden verstärkt sich dieser Effekt, auch die unteren Bodenschichten werden trockener, die Funktion des Waldes, Grundwasser zu speichern, nimmt rapide ab.

Für Deutschland zeigen die Landsat-Satellitenbilder bis 2018 keine stärkeren Kahlschläge. Bei uns werden die Wälder normalerweise schonender genutzt und nur einige Bäume gefällt. Aber auch hier wird, vorborgen von den Augen der Satelliten, mehr Holz aus dem Wald geholt.
Die Landsat-Satellitenbilder haben eine Auflösung von nur 30 Metern langen und breiten Flächen, so dass solche Einzelheiten nicht zu sehen sind.
Das heißt aber nicht, dass unsere Wälder in Mitteleuropa keine Probleme haben. Zum einen haben die Dürrewälder 2018 und 2019 dem Wald erheblich zugesetzt und die Situation ändert sich massiv zusätzlich durch den Befall mit Schädlingen. Da muss das Holz dann aus dem Wald, um weiteren Schaden abzuwenden.
Lässt man die Freiflächen dann ohne Bodenbearbeitung und Bepflanzung mit neuen erwünschten Bäumen, siedeln sich auch von selbst etliche Bäume an und bereiten einen späteren Mischwald vor.

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